Handwerkspräsident schlägt Ablösesummen für Azubis vor

03.06.2019

Betriebe könnten nach Überlegungen aus dem Handwerk künftig Ablösesummen zahlen, wenn sie Azubis gleich nach der Lehre von der Konkurrenz abwerben.

Zwei von drei Fachkräften, die im Handwerk qualifiziert würden, arbeiteten im Laufe ihres Berufslebens in anderen Wirtschaftsbereichen, sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer der Deutschen Presse-Agentur. «Unsere gut ausgebildeten jungen Leute werden abgeworben.» Er denke deshalb über eine Entschädigung für Ausbildungsgebtriebe nach, die Azubis direkt nach der Lehre verlieren.

Konkret könnte man regeln, dass Auszubildende in den ersten Jahren nach ihrer Lehre nur dann den Betrieb wechseln dürfen, wenn der neue Arbeitgeber einen Teil der Ausbildungskosten übernimmt, so der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Denn die Betriebe stecken während der dreijährigen Lehre viel Geld in ihre Azubis - oft mit dem Hintergedanken, die jungen Leute später zu übernehmen und dann ohne lange Einarbeitung direkt einsetzen zu können.

Was ein Auszubildender seinen Arbeitgeber kostet, ist je nach Branche unterschiedlich. Insgesamt zahle der Betrieb aber immer drauf, sagte Wollseifer. «Die Ausbildung kostet im ersten und zweiten Jahr Geld - im ersten Jahr viel, im zweiten Jahr etwas weniger. Im dritten Lehrjahr kommt dann auch ein bisschen was rein.»

Nach der aktuellsten Kosten-Nutzen-Rechnung des Bundesinstituts für Berufsbildung (bibb) hat ein Betrieb pro Azubi jährliche Kosten von etwa 18.000 Euro - zugleich aber erwirtschaftet der Lehrling rund 12 500 Euro. Der Betrieb lässt sich einen passgenau ausgebildeten Mitarbeiter bei dreijähriger Ausbildung also mehr als 15.000 Euro kosten.

Einige Branchen müssen derzeit zudem damit rechnen, dass die Ausbildung noch teurer wird. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) plant einen Azubi-Mindestlohn: Alle Auszubildenden sollen vom kommenden Jahr an im ersten Lehrjahr mindestens 515 Euro im Monat verdienen. Im zweiten und dritten Lehrjahr soll es noch mehr geben. Das Handwerk sei von diesen Regelungen besonders betroffen, sagte Wollseifer - «weil wir der stärkste Ausbilder sind». 28 Prozent aller Lehrlinge in Deutschland lernten in Handwerksbetrieben.

Die meisten von ihnen verdienen schon jetzt mehr als den geplanten Mindestlohn - aber längst nicht alle. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bekamen Ende 2017 fast 65.000 Azubis weniger als 400 Euro im Monat, weitere 50.000 unter 500 Euro - zusammen mehr als sieben Prozent aller Auszubildenden. Vor allem ostdeutsche Betriebe müssten mit dem neuen Mindestlohn deutlich mehr in die Ausbildung investieren - zum Beispiel Metzgereien, wo Azubis nach bibb-Daten derzeit nur 310 Euro verdienen. Auch Raumausstatter- und Friseur-Lehrlinge im Osten sowie angehende Schornsteinfeger in ganz Deutschland werden vom geplanten Mindestlohn profitieren.

Den Betrieben werde das Probleme bereiten, sagte Wollseifer. Sie könnten die Mehrkosten auch nicht einfach umlegen, da die Kunden nicht bereit seien, mehr zu zahlen. «Höhere Löhne und Vergütungen für Beschäftigte fordern, ist das eine, aber das andere ist es, dann für die Handwerksleistung auch einen entsprechend wertschätzenden Preis zu zahlen», sagte er.

Quelle: www.shz.de

 

KOMMENTAR

Eine Frage der Fairness

Halten die Sitten aus dem Profi-Fußball bald Einzug im Handwerk? Wenn es nach Branchenpräsident Hans Peter Wollseifer geht, sollen für das Abwerben frisch ausgebildeter Lehrlinge Ablösegelder fließen. Was im ersten Moment schräg klingt, ist ein bedenkenswerter Vorschlag. Es ist bitter, wenn ein Handwerksbetrieb knappes Geld in die Ausbildung von Nachwuchs investiert und dieser ihm nach bestandener Prüfung schnurstracks von der Fahne geht, um etwa in der Industrie Geld zu verdienen. Das gilt allemal in Zeiten des Fachkräftemangels.

"Dann soll das Handwerk seine Leute eben besser bezahlen!" - dieser Reflex ist so naheliegend wie naiv. Handwerkerstunden sind wegen der hohen Lohnnebenkosten heute bereits teuer, vielen Haushalten zu teuer. Und keine andere Dienstleistung kann leichter durch Eigen- oder Schwarzarbeit ersetzt werden. Ohnehin wird ein Handwerksbetrieb nie mit den Löhnen eines umsatzstarken Industrieunternehmens mithalten können.

Deshalb ist es eine Frage der Fairness, dass Handwerksbetriebe einen Teil der Ausbildungskosten zurückerhalten, wenn der Nachwuchs abwandert. Es gibt eine weitere Möglichkeit: Warum nicht auf arbeitsintensive Dienstleistungen nur den reduzierten Mehrwertsteuersatz erheben, wie es andere EU-Länder machen? Das würden den Betrieben Spielräume für höhere Löhne eröffnen.

Quelle: Manuel Glasfort, Politikredakteur der Verlagsgruppe

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