Studenten fürs Handwerk

07.11.2013

Von Otto Kentzler

Das Handwerk wirbt um Abiturienten und Studienaussteiger als Auszubildende. Über die Hälfte der Handwerksinstitutionen unterstützen oder planen mittlerweile Kooperationsprojekte mit Hochschulen, ergab eine aktuelle Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Informationen zur beruflichen Bildung kommen an den Hochschulen zu kurz. Bestehende Beratungsstrukturen für Studenten haben bislang meist nur akademische Alternativen parat. Das soll sich ändern. Die Beratungsstellen – ob an der Hochschule oder im Job-Center – müssen mit dem Handwerk zusammenarbeiten. Die jungen Talente brauchen vor allem in der Phase der Umorientierung von akademischen zu mehr praxisbezogenen Bildungswegen Aufklärung auch über handwerkliche Bildungs- und Karriereangebote. Nur dann können junge Abiturienten oder Studenten verantwortlich ihre Wahl treffen.

Doch kann es wirklich sein, dass auch junge Menschen mit Abitur im Handwerk gut aufgehoben sind? Diese Frage wird seit einigen Monaten vermehrt in den Feuilletons und unter Bildungsexperten gestellt. Die Antwort lautet ganz klar: ja. Handwerksbetriebe, die sich um Abiturienten bemühen, bieten entweder die Option eines dualen Studiums an, das eine handwerkliche Ausbildung mit einem Bachelorstudium verbindet. Da wird schon Geld verdient! Oder sie bieten einen Karriereplan, der über Gesellenbrief und Meisterausbildung zu Managementaufgaben oder der Betriebsübernahme führt. Nur wirtschaftsferne Feuilletonisten können glauben, dass ein Betrieb Abiturienten für den Mindestlohn den Pinsel schwingen lässt.      

Die Debatte kommt im Übrigen zur rechten Zeit. Denn das Handwerk muss um  mehr Abiturienten als Auszubildende werben. Erstens macht heute bereits die Hälfte eines Jahrgangs Abitur, nur noch 30 Prozent beginnen eine Ausbildung; zweitens sind viele Handwerksberufe in ihren Anforderungen so anspruchsvoll geworden, dass eine gute schulische Vorbildung etwa in Mathematik oder Physik notwendig ist. 

Beispiele für eine erfolgreiche Bildungskooperation von Hochschule und Handwerk gibt es bereits – bei den Handwerkskammern zum Beispiel in Dresden, wo Studenten der technischen Hochschulen spezielle Berater vorfinden, in Hessen, wo u.a. sechs Hochschulen und drei Handwerkskammern ein Netzwerk bilden, oder in Aachen mit dem Programm "RESET". Aber auch Kreishandwerkerschaften sind aktiv – so in Vechta mit einer speziell auf Studienaussteiger zugeschnittenen Beratung (www.masterplan-handwerk.de  ).
 
Ein bemerkenswertes Pilotprojekt führt die Handwerkskammer Unterfranken in  Partnerschaft zuerst mit der Universität Würzburg und später mit den Hochschulen Würzburg-Schweinfurt und Aschaffenburg durch. Hier wurden Studienaussteiger in die handwerkliche Ausbildung vermittelt. 27 ehemalige Studenten erlernen die Handwerksberufe Schreiner, Hörgeräteakustiker, Feinwerkmechaniker und Elektroniker. In einer eigens eingerichteten Berufsschulklasse und in den kooperierenden Betrieben eignen sie sich in verkürzter Ausbildungszeit durch Zusatzqualifikationen die Grundlagen für Führungsaufgaben in einem Handwerksbetrieb an. Ziel ist die schnelle Weiterbildung zum Handwerksmeister.    

Auf diesen Erfahrungen sollten weitere Hochschulen aufbauen und die Zusammenarbeit mit dem Handwerk auf Augenhöhe suchen. Deutschland kann es sich nicht leisten, Talente nur einseitig zu beraten oder gar abzuschreiben. Wir sollten den Deutschen Qualifikationsrahmen mit Leben erfüllen und Jugendlichen eine wirkliche Wahl lassen. Im Ergebnis stehen Bachelor und Meister dort doch auf einer Stufe. 

Quelle: www.zdh.de

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